Derweil am anderen Ende des Ortes fand sich Timo wieder einmal sehr unausgeschlafen vor. Schon seit geraumer Zeit löchern Gedanken aller Art seine Nächte. Jedoch konnte er sich am Morgen danach nie an sie erinnern.
Kaum einmal konnte er in letzter Zeit wirklich hindurchschlafen. Er ass am Tage schlecht und auch sonst war es nicht gut mit ihm bestellt. Das kannte er so gar nicht von sich.
Erst versuchte er herauszufinden, ob es an seinen neuen Anschaffungen lag. Konnte es Elektrosmog sein, der ihm den Schlaf raubte? Viel zu müde war er neuerdings während der Arbeit, obwohl er sie gerne machte, so brauchte er immer länger und doch... physisch war er bestens dran. Er machte weiterhin seinen fast täglichen Sport und abnehmen tat er auch nicht, was ihn fast noch mehr verwunderte, da er eigentlich davon ausging, das er dies müsste. Statt dessen blieb sein Gewicht wie es war. Bildete er sich dies nur alles ein und grübelte in Wirklichkeit nur in seinen Träumen? Warum war er dann aber tagsüber so müde? Ja, die Müdigkeit konnte man ihm sichtbar am Gesicht ablesen. Die Nachbarn machten sich schon sorgen, obschon sie dachten, das dies sicher nur eine kurze Phase sein würde. Alle jungen Leute machen heutzutage mal die Nächte durch. Timo aber feierte so gut wie nie auf irgendeiner Party. Dafür hatte er viel zuviel zu tun mit seiner kleinen Tischlerei.
Weil nun der Elektrosmog nicht so recht als Ursache zu passen schien, schaute Timo weiter nach anderen Möglichkeiten, fand aber keine. Nicht eine Einzige die annähernd in Frage kommen könnte. Vielleicht währe es einfacher, wenn er in einer Stadt leben würde, aber das war bei ihm noch nie der Fall gewesen. Und während er wieder einmal mit Bangen auf die Waage ging, um zu sehen, ob sich etwas getan hatte, denn das musste es ja eigentlich, erschallte es laut und deutlich durch die Zimmer und Flure im Hause Allabasta. Ein Sirren, Klirren, Klappern und Rascheln, gemischt mit glucksendem Lachen der Hausherrin, bahnte sich den Weg hinein in die Welt. Die morgendliche Sonne strahlte durch das Küchenfenster auf die alte, schwere hölzerne Küchenleiste, auf der wie wild verstreut, verschiedene Kräuter, Blätter von allerlei Pflanzen und Blüten lagen und Gefässe, wie Krüge dicht an dicht standen. Fast wie von Geisterhand schien sich alles zu bewegen, zerkleinern, zerstampfen, sich zusammenzufügen, um sich mit verschiedenen Flüssigkeiten zu verbinden, was sich sodann in eine leicht schimmernde, blubbernde, gelig- cremige Masse im grossen Eisentopf auf dem Herd wieder fand; und wenn man genau hinhörte, so konnte man im Singsang, der leise zu vernehmen war, folgendes hören: "....dreh' dich, dreh' dich..... seh' dich, seh' dich... lauf geschwind, mit dem Wind.... vergiss den Tag, die Nacht, der kleine Teufel lacht... nur mein ist der Segen, lass es Sterne regnen... das Innen geht nach aussen und draussen sehet nur den Schein, denn die Welt ist mein!...".
Dieser Singsang ging weiter und weiter, variierte in Wortwahl, Lautstärke und Rhythmus, ganz wie ein langes Opernlied, was sich in gleichen Worten immer wieder anders darstellt im Gesang des Sängers, um die verschiedenen Bedeutungen herauskristallisieren zu lassen. Würde man gerade zu Besuch sein, währe einem leicht beschwingt zumute. Man währe geneigt sich leicht zu wiegen, die Augen zu schliessen und das Sonnenlicht zu suchen. Jeder würde sich eingehüllt und beschützt fühlen und danach verwundert aufwachen, wenn alles vorbei ist.
Christina erwachte spät aus ihrem Schlaf, es war bereits zehn Uhr. Wieder einmal hatte sie den Wecker nicht gehört und ärgerte sich gewohnheitsgemäss kurz darüber, bevor sie mit einem Schwung aus dem Bett sprang, um sich für den Tag zurecht zu machen. Auf ihre morgendliche Routine war verlass, denn schon besserte sich ihre Laune und die Gedanken schwirrten fröhlich umher. Der morgendliche Kaffe auf der Veranda trug ebenso zur lustvollen Stimmung bei, wie der wärmende Sonnenstrahl und die durch lauem und schmeichelndem Winde sich ankündigende Sommerzeit.
Christina lächelte in sich hinein, denn auch wenn sie wieder einmal keine Arbeit hatte und schon seit drei Monaten vergebens nach Ersatz suchte, so war viel zu viel Schönes um sie herum, als das sie sich ärgern mochte. Sie schüttelte ihr leicht gelocktes, rötlich, blondes Haar, das ihr weit über die Schulter hinweg hing und sie teils zu einem losen Pferdeschwanz gebunden hatte, während sie mit beiden Händen die Tasse fest hielt, weil sie die Stufen hinunter ging, um ein paar Schritte über den Rasen zu gehen. Es war Mittwoch, was sollte sie machen; was wollte sie machen? Vielleicht Lutz besuchen, aber der arbeitete ja immer soviel und hatte selten wirklich Zeit für sie, was sie immer etwas bedauerte, denn sie mochte ihn gut leiden und fand auch, das er sichtlich attraktiv aussah. Nur leider schien er selber das weniger zu sehen und soweit sie wusste, war er auch seit Jahren Single, was wiederum weniger verwunderlich war, wenn man daran dachte, das er weder ausging, noch Zeit hatte zwischendurch, geschweige denn viel von sich erzählte. Im Dorf wusste kaum einer wer er überhaupt war, woher er kam und was sein Hintergrund war und dennoch, niemand fürchtete ihn; ganz im Gegenteil, so war er eher als liebenswerter, aber schüchterner Bursch bekannt, der immer als Hilfsbereit galt.
Christina hatte ihn zum ersten mal vor vier Jahren gesehen, als er beim Bäcker Mc Adams durch die Tür hinaus ging, während sie ankam. Sie hatten sich beide zugelächelt, weil sie im ersten Moment einander im Wege waren. Später kreuzten sich ihre Wege immer wieder im Dorf und auch in der vierzig Kilometer entfernten, nächst grösseren Stadt. Dort hatten sie sogar gemeinsam in einem Kaffee gesessen und sich unterhalten, während sie, wie es schien, beide vom Zufall eine Wartezeit verordnet bekommen hatten.
Nein, diesen Tag würde sie mit Grundstückspflege füllen. Schon seit ein paar Tagen stach es einem förmlich in's Auge, das hie und da dringend eine kundige Hand gebraucht wurde, wenn es nicht in unheilvolles Chaos enden sollte. Die Wildnis war gerade dabei überhand zu nehmen.
Plötzlich tauchten in kurzer Reihenfolge Bilder in ihrem Kopf auf, die sie auf die Stelle nicht zuzuordnen wusste. Waren es Erinnerungen, echte oder vermeintliche?
Die Bilder schienen keinen Zusammenhang zu haben und kamen so blitzartig, fast wie ein flüchtiger Schatten in ihre Wahrnehmung, so dass Christina erst einmal geneigt war sie als Nichtig abzutun, doch ihre Irritation war zu gross, als das es ihr wirklich gelang und so versuchte sie die Bilder noch einmal vor ihrem Inneren Auge heraufzubeschwören, was ihr aber nicht gelang, sosehr sie es auch immer wieder versuchte. Sie waren wie spurlos verschwunden. Als hätte sie sich das alles nur eingebildet.
Nach etlichen, langen Minuten gab sie mit einem hörbaren, fast stossartigem, Seufzer, auf, drehte sich um, um mit dem Tagewerk zu beginnen.
Berlin, 20.02.2012/ 19.03.2012, - Tom (S.B)