Montag, 19. März 2012

Das Haus Allabasta 2

Derweil am anderen Ende des Ortes fand sich Timo wieder einmal sehr unausgeschlafen vor. Schon seit geraumer Zeit löchern Gedanken aller Art seine Nächte. Jedoch konnte er sich am Morgen danach nie an sie erinnern. 
Kaum einmal konnte er in letzter Zeit wirklich hindurchschlafen. Er ass am Tage schlecht und auch sonst war es nicht gut mit ihm bestellt. Das kannte er so gar nicht von sich. 
Erst versuchte er herauszufinden, ob es an seinen neuen Anschaffungen lag. Konnte es Elektrosmog sein, der ihm den Schlaf raubte? Viel zu müde war er neuerdings während der Arbeit, obwohl er sie gerne machte, so brauchte er immer länger und doch... physisch war er bestens dran. Er machte weiterhin seinen fast täglichen Sport und abnehmen tat er auch nicht, was ihn fast noch mehr verwunderte, da er eigentlich davon ausging, das er dies müsste. Statt dessen blieb sein Gewicht wie es war. Bildete er sich dies nur alles ein und grübelte in Wirklichkeit nur in seinen Träumen? Warum war er dann aber tagsüber so müde? Ja, die Müdigkeit konnte man ihm sichtbar am Gesicht ablesen. Die Nachbarn machten sich schon sorgen, obschon sie dachten, das dies sicher nur eine kurze Phase sein würde. Alle jungen Leute machen heutzutage mal die Nächte durch. Timo aber feierte so gut wie nie auf irgendeiner Party. Dafür hatte er viel zuviel zu tun mit seiner kleinen Tischlerei. 
Weil nun der Elektrosmog nicht so recht als Ursache zu passen schien, schaute Timo weiter nach anderen Möglichkeiten, fand aber keine. Nicht eine Einzige die annähernd in Frage kommen könnte. Vielleicht währe es einfacher, wenn er in einer Stadt leben würde, aber das war bei ihm noch nie der Fall gewesen. Und während er wieder einmal mit Bangen auf die Waage ging, um zu sehen, ob sich etwas getan hatte, denn das musste es ja eigentlich, erschallte es laut und deutlich durch die Zimmer und Flure im Hause Allabasta. Ein Sirren, Klirren, Klappern und Rascheln, gemischt mit glucksendem Lachen der Hausherrin, bahnte sich den Weg hinein in die Welt. Die morgendliche Sonne strahlte durch das Küchenfenster auf die alte, schwere hölzerne Küchenleiste, auf der wie wild verstreut, verschiedene Kräuter, Blätter von allerlei Pflanzen und Blüten lagen und Gefässe, wie Krüge dicht an dicht standen. Fast wie von Geisterhand schien sich alles zu bewegen, zerkleinern, zerstampfen, sich zusammenzufügen, um sich mit verschiedenen Flüssigkeiten zu verbinden, was sich sodann in eine leicht schimmernde, blubbernde, gelig- cremige Masse im grossen Eisentopf auf dem Herd wieder fand; und wenn man genau hinhörte, so konnte man im Singsang, der leise zu vernehmen war, folgendes hören: "....dreh' dich, dreh' dich..... seh' dich, seh' dich... lauf geschwind, mit dem Wind.... vergiss den Tag, die Nacht, der kleine Teufel lacht... nur mein ist der Segen, lass es Sterne regnen... das Innen geht nach aussen und draussen sehet nur den Schein, denn die Welt ist mein!...".

Dieser Singsang ging weiter und weiter, variierte in Wortwahl, Lautstärke und Rhythmus, ganz wie ein langes Opernlied, was sich in gleichen Worten immer wieder anders darstellt im Gesang des Sängers, um die verschiedenen Bedeutungen herauskristallisieren zu lassen. Würde man gerade zu Besuch sein, währe einem leicht beschwingt zumute. Man währe geneigt sich leicht zu wiegen, die Augen zu schliessen und das Sonnenlicht zu suchen. Jeder würde sich eingehüllt und beschützt fühlen und danach verwundert aufwachen, wenn alles vorbei ist. 

Christina erwachte spät aus ihrem Schlaf, es war bereits zehn Uhr. Wieder einmal hatte sie den Wecker nicht gehört und ärgerte sich gewohnheitsgemäss kurz  darüber, bevor sie mit einem Schwung aus dem Bett sprang, um sich für den Tag zurecht zu machen. Auf ihre morgendliche Routine war verlass, denn schon besserte sich ihre Laune und die Gedanken schwirrten fröhlich umher. Der morgendliche Kaffe auf der Veranda trug ebenso zur lustvollen Stimmung bei, wie der wärmende Sonnenstrahl und die durch lauem und schmeichelndem Winde sich ankündigende Sommerzeit. 
Christina lächelte in sich hinein, denn auch wenn sie wieder einmal keine Arbeit hatte und schon seit drei Monaten vergebens nach Ersatz suchte, so war viel zu viel Schönes um sie herum, als das sie sich ärgern mochte. Sie schüttelte ihr leicht gelocktes, rötlich, blondes Haar, das ihr weit über die Schulter hinweg hing und sie teils zu einem losen Pferdeschwanz gebunden hatte, während sie mit beiden Händen die Tasse fest hielt, weil sie die Stufen hinunter ging, um ein paar Schritte über den Rasen zu gehen. Es war Mittwoch, was sollte sie machen; was wollte sie machen? Vielleicht Lutz besuchen, aber der arbeitete ja immer soviel und hatte selten wirklich Zeit für sie, was sie immer etwas bedauerte, denn sie mochte ihn gut leiden und fand auch, das er sichtlich attraktiv aussah. Nur leider schien er selber das weniger zu sehen und soweit sie wusste, war er auch seit Jahren Single, was wiederum weniger verwunderlich war, wenn man daran dachte, das er weder ausging, noch Zeit hatte zwischendurch, geschweige denn viel von sich erzählte. Im Dorf wusste kaum einer wer er überhaupt war, woher er kam und was sein Hintergrund war und dennoch, niemand fürchtete ihn; ganz im Gegenteil, so war er eher als liebenswerter, aber schüchterner Bursch bekannt, der immer als Hilfsbereit galt. 
Christina hatte ihn zum ersten mal vor vier Jahren gesehen, als er beim Bäcker Mc Adams durch die Tür hinaus ging, während sie ankam. Sie hatten sich beide zugelächelt, weil sie im ersten Moment einander im Wege waren. Später kreuzten sich ihre Wege immer wieder im Dorf und auch in der vierzig Kilometer entfernten, nächst grösseren Stadt. Dort hatten sie sogar gemeinsam in einem Kaffee gesessen und sich unterhalten, während sie, wie es schien, beide vom Zufall eine Wartezeit verordnet bekommen hatten. 
Nein, diesen Tag würde sie mit Grundstückspflege füllen. Schon seit ein paar Tagen stach es einem förmlich in's Auge, das hie und da dringend eine kundige Hand gebraucht wurde, wenn es nicht in unheilvolles Chaos enden sollte. Die Wildnis war gerade dabei überhand zu nehmen. 
Plötzlich tauchten in kurzer Reihenfolge Bilder in ihrem Kopf auf, die sie auf die Stelle nicht zuzuordnen wusste. Waren es Erinnerungen, echte oder vermeintliche?
Die Bilder schienen keinen Zusammenhang zu haben und kamen so blitzartig, fast wie ein flüchtiger Schatten in ihre Wahrnehmung, so dass Christina erst einmal geneigt war sie als Nichtig abzutun, doch ihre Irritation war zu gross, als das es ihr wirklich gelang und so versuchte sie die Bilder noch einmal vor ihrem Inneren Auge heraufzubeschwören, was ihr aber nicht gelang, sosehr sie es auch immer wieder versuchte. Sie waren wie spurlos verschwunden. Als hätte sie sich das alles nur eingebildet. 
Nach etlichen, langen Minuten gab sie mit einem hörbaren, fast stossartigem, Seufzer, auf, drehte sich um, um mit dem Tagewerk zu beginnen.

Berlin, 20.02.2012/ 19.03.2012, - Tom (S.B)

Das Haus Allabasta 1


Nebenan, zwei Nächte nach Vollmond, stand sie wieder einige Meter vor ihrer Veranda und spürte den warmen Wind an den Wangen entlang streichen. Ihr Blick wanderte wie so oft zuerst nach links, hin zu dem alten Wald, der ein leichtes Rauschen von sich gab und dessen dunkles Grün im dunklen der Nacht fast nur zu erahnen war, denn es war abnehmender Mond. Ihr Lächeln kam immer wieder in dem Augenblick, wo sie die Spitze des grossen alten Baumes erblickte, der sich in der Mitte von Allem zu strecken schien.  Wie die Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit, damals als sie noch jung, wild und entschlossen war, die Welt kennenzulernen. Ein leichtes Seufzen entfuhr ihr, doch sie schmunzelte gleich wieder. Es war so ganz anders gekommen, als sie es sich vorgestellt hatte und je hätte vorstellen können. Aber ein Mädchen vom Lande bleibt ein Mädchen vom Lande und so liebte sie dies alte Haus hinter ihr auf das innigste, auch wenn es schon mächtig knarrte, ächzte, knarzte, sich immer wieder lautstark, dann wieder leise und unverhofft, gar plötzlich bemerkbar machte. Ganz wie ihr eigener Körper, der immer mehr von der Zeit erzählte und den Dingen die das Leben mit sich brachte. 
Sie nannte das alte Haus Allabasta, denn es war, seit sie denken konnte, immer in hellen Tönen angestrichen worden und soweit sie wusste, schon zu Zeiten ihrer Grossmutter, welche Zeit ihres Lebens, dies schöne Werk nie verliess, wenn auch aus anderen Gründen, als die Generationen nach ihr. Dann schweifte ihr Blick , zu der leicht hügeligen Weide mit ihren einzeln da stehenden, knorrigen Eichen, welche sich leicht im Winde bewegten, hin zum vor sich hinstreckendem Horizont.Das Ende schien so weit entfernt und doch zugleich sich mit dem Himmel fast unmerklich zu verbinden, so dass ihr Blick ganz von alleine zum Himmel hinauf gelangte und sie den Atmen für einen Augenblick anhielt, ob der Schönheit, der Faszination die sich ihr auftat; dem Wunder das sich ihr jedes Mal zeigte, doch nie wirklich erschloss, gar verriet, doch immer, immer mit trefflicher Sicherheit ihre Erinnerungen weiter, tiefer in ihre Jugend hinein sinken lies, während sie dabei leicht zu frösteln begann und sich ihre nun alten, doch nicht minder schönen Hände, in die Hosentasche steckte. Für einen Moment schloss sie ihre Augen, atmete tief und langsam durch die Nase ein und aus, zog ihre Schultern ein wenig nach oben an und senkte ihren Kopf dabei wieder Richtung Boden.Nach dem öffnen der Augen sah sie das Gras vor sich, gepaart mit kleinen weissen Blümchen hie und dort im Scheine des Halbmondes aufblitzend, leicht sich hin und her bewegen; kleinen Tänzen gleich, da sich der Wind in Kreisen und Pirouetten zu bewegen schien und wieder einmal war es ihr, als wenn sie dabei die Wehmut überfiel und sie wieder zum Wald hin blicken musste. Immer und immer wieder erging es ihr so und doch, sie konnte und wollte es wohl auch nicht anders. Das Nachbargrundstück rechts von ihr aber nahm sie kaum wahr, selbst am Tage verlor sie  nur äussert selten  einen Blick in diese Richtung. Es war, als wenn es nicht existierte, ein Traum währe, eine Geschichte, einer Sage gleich. Ein Reich, umringt von Mauern, Zäunen, alten Sträuchern und Bäumen, durch die man nur selten das Haus und seinen Hof erblicken konnte, ja man erahnte es vielmehr, als das man es sah und jeder der daran vorbei ging, dabei dorthin sah, hatte für einen sehr kurzen Augenblick das Gefühl der Irritation, die unerklärlich blieb, denn es fühlte sich wie ein feuchtkalter Schauer an, wenn man auch nur daran dachte. Einen Schauer, denn man so schnell wie möglich von sich abschütteln wollte und so schnell er kam auch wieder vergass. Nur die Alten, die Alten wussten es zu erklären, doch sie schwiegen.  So wurde, was einmal eine Tatsache zu sein schien, zu einem Gerücht, das zu einer Geschichte wurde, die heute ein Märchen war. Ein kleines Schauermärchen, von dem man im Hause Allabasta nichts mehr wusste, vielleicht gar nie gewusst hatte, denn man sprach nie viel über derlei Dinge, weder damals, noch heute. Beim Rückweg in das Haus stolperte sie leicht über einen, aus der Erde hervorstehendem Stein, der sich erst neulich dort empor geschoben haben musste, denn sie kannte ihr Gut in und auswendig, jeden Platz, jede Pflanze, einfach alles. Sie blieb stehen, drehte sich um und schaute den Stein verwundert an. Was machte er dort? Wie konnte sie ihn nur übersehen haben? War sie doch schon so alt geworden? Nein, das konnte nicht sein. Sie schüttelte energisch immer wieder mit dem Kopf hin und her, die Arme dabei auf den Hüften gestemmt und skeptisch, zugleich aber auch irritierend blickend. Nach einem kurzen Augenblick hielt sie inne, konnte aber keinen Gedanken fassen, gab auf und drehte sich wieder um, ging in's Haus hinein, direkt in die Küche, die gleich links vom Eingang lag, um sich eine grosse Tasse Tee zu machen. Und während sie ihn langsam, immer wieder leicht anpustend, trank, hatte sie den Stein derweil völlig vergessen.

Berlin, 16.02.2012,- Tom (S. B.)