Nebenan, zwei Nächte nach Vollmond, stand sie wieder einige Meter vor ihrer Veranda und spürte den warmen Wind an den Wangen entlang streichen. Ihr Blick wanderte wie so oft zuerst nach links, hin zu dem alten Wald, der ein leichtes Rauschen von sich gab und dessen dunkles Grün im dunklen der Nacht fast nur zu erahnen war, denn es war abnehmender Mond. Ihr Lächeln kam immer wieder in dem Augenblick, wo sie die Spitze des grossen alten Baumes erblickte, der sich in der Mitte von Allem zu strecken schien. Wie die Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit, damals als sie noch jung, wild und entschlossen war, die Welt kennenzulernen. Ein leichtes Seufzen entfuhr ihr, doch sie schmunzelte gleich wieder. Es war so ganz anders gekommen, als sie es sich vorgestellt hatte und je hätte vorstellen können. Aber ein Mädchen vom Lande bleibt ein Mädchen vom Lande und so liebte sie dies alte Haus hinter ihr auf das innigste, auch wenn es schon mächtig knarrte, ächzte, knarzte, sich immer wieder lautstark, dann wieder leise und unverhofft, gar plötzlich bemerkbar machte. Ganz wie ihr eigener Körper, der immer mehr von der Zeit erzählte und den Dingen die das Leben mit sich brachte.
Sie nannte das alte Haus Allabasta, denn es war, seit sie denken konnte, immer in hellen Tönen angestrichen worden und soweit sie wusste, schon zu Zeiten ihrer Grossmutter, welche Zeit ihres Lebens, dies schöne Werk nie verliess, wenn auch aus anderen Gründen, als die Generationen nach ihr. Dann schweifte ihr Blick , zu der leicht hügeligen Weide mit ihren einzeln da stehenden, knorrigen Eichen, welche sich leicht im Winde bewegten, hin zum vor sich hinstreckendem Horizont.Das Ende schien so weit entfernt und doch zugleich sich mit dem Himmel fast unmerklich zu verbinden, so dass ihr Blick ganz von alleine zum Himmel hinauf gelangte und sie den Atmen für einen Augenblick anhielt, ob der Schönheit, der Faszination die sich ihr auftat; dem Wunder das sich ihr jedes Mal zeigte, doch nie wirklich erschloss, gar verriet, doch immer, immer mit trefflicher Sicherheit ihre Erinnerungen weiter, tiefer in ihre Jugend hinein sinken lies, während sie dabei leicht zu frösteln begann und sich ihre nun alten, doch nicht minder schönen Hände, in die Hosentasche steckte. Für einen Moment schloss sie ihre Augen, atmete tief und langsam durch die Nase ein und aus, zog ihre Schultern ein wenig nach oben an und senkte ihren Kopf dabei wieder Richtung Boden.Nach dem öffnen der Augen sah sie das Gras vor sich, gepaart mit kleinen weissen Blümchen hie und dort im Scheine des Halbmondes aufblitzend, leicht sich hin und her bewegen; kleinen Tänzen gleich, da sich der Wind in Kreisen und Pirouetten zu bewegen schien und wieder einmal war es ihr, als wenn sie dabei die Wehmut überfiel und sie wieder zum Wald hin blicken musste. Immer und immer wieder erging es ihr so und doch, sie konnte und wollte es wohl auch nicht anders. Das Nachbargrundstück rechts von ihr aber nahm sie kaum wahr, selbst am Tage verlor sie nur äussert selten einen Blick in diese Richtung. Es war, als wenn es nicht existierte, ein Traum währe, eine Geschichte, einer Sage gleich. Ein Reich, umringt von Mauern, Zäunen, alten Sträuchern und Bäumen, durch die man nur selten das Haus und seinen Hof erblicken konnte, ja man erahnte es vielmehr, als das man es sah und jeder der daran vorbei ging, dabei dorthin sah, hatte für einen sehr kurzen Augenblick das Gefühl der Irritation, die unerklärlich blieb, denn es fühlte sich wie ein feuchtkalter Schauer an, wenn man auch nur daran dachte. Einen Schauer, denn man so schnell wie möglich von sich abschütteln wollte und so schnell er kam auch wieder vergass. Nur die Alten, die Alten wussten es zu erklären, doch sie schwiegen. So wurde, was einmal eine Tatsache zu sein schien, zu einem Gerücht, das zu einer Geschichte wurde, die heute ein Märchen war. Ein kleines Schauermärchen, von dem man im Hause Allabasta nichts mehr wusste, vielleicht gar nie gewusst hatte, denn man sprach nie viel über derlei Dinge, weder damals, noch heute. Beim Rückweg in das Haus stolperte sie leicht über einen, aus der Erde hervorstehendem Stein, der sich erst neulich dort empor geschoben haben musste, denn sie kannte ihr Gut in und auswendig, jeden Platz, jede Pflanze, einfach alles. Sie blieb stehen, drehte sich um und schaute den Stein verwundert an. Was machte er dort? Wie konnte sie ihn nur übersehen haben? War sie doch schon so alt geworden? Nein, das konnte nicht sein. Sie schüttelte energisch immer wieder mit dem Kopf hin und her, die Arme dabei auf den Hüften gestemmt und skeptisch, zugleich aber auch irritierend blickend. Nach einem kurzen Augenblick hielt sie inne, konnte aber keinen Gedanken fassen, gab auf und drehte sich wieder um, ging in's Haus hinein, direkt in die Küche, die gleich links vom Eingang lag, um sich eine grosse Tasse Tee zu machen. Und während sie ihn langsam, immer wieder leicht anpustend, trank, hatte sie den Stein derweil völlig vergessen.Berlin, 16.02.2012,- Tom (S. B.)
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