...oder doch eher die Leiden der Unnormalität?
Eine Frage, die sich nicht so einfach stellen lässt. Gerade wenn es um die menschliche Psyche geht.
Aber einen Einblick will ich gerne in meine Gedanken gewähren.
Aus dem Berufsalltag der Pflege, genauer der Altenpflege.
Dieses eine Mal nicht darüber, wie wenig doch noch arbeiten. Nein, auch nicht wieviel wir uns abrackern. Wie wenig wir verdienen oder wie sehr wir von der Politik enttäuscht sind und wie sehr der Personalschlüssel eine Lüge ist.
Pflege bedeutet nicht nur Medizin und Waschen. Sie bedeutet auch den Menschen und seine Bedürfnisse zu sehen und sie zu erkennen.
Gerne würde ich sagen ich habe alle Zeit der Welt, vor allem für die, die es ganz besonders brauchen. Für die, die eigentlich rund um die Uhr jemanden brauchen, damit sie noch zurecht kommen. Für die, deren Geist sich auf Wanderschaft begeben hat, ganz unmerklich manchmal, manchmal aber auch ganz klar und doch unbeliebt gewesen und somit ignoriert, dass er seinen eigenen Kopf hat. Für Menschen, denen die Erinnerung an fast allem fehlt, an das Heute, Morgen, Gestern und bald auch Vorgestern. Ja, es währe schön Zeit zu haben für gerade diejenigen, die umherwandern und nach uns ausschau halten, da ihr Kopf voller Fragen ist, die sie nicht beantworten, oft auch nicht mehr richtig stellen können.
Die Seele leidet sichtbar und die Emotionen schwanken hin und her, doch können sie nicht mehr erfasst, benannt und eingeordnet werden. Der Gang wird unsicher, das Essen - wie geht es doch gleich noch einmal und was heisst rechts entlang den Flur, das letzte Zimmer links? Da kommt die Angst in ihnen hoch und sie wollen nicht alleine sein, doch können keine Minute still sitzen, weil sie dann noch mehr Angst bekommen.
Ein Kreislauf beginnt und endet nie wieder. Als Pflegekraft weiss ich, so ein Mensch braucht jemanden, der ihn rund um die Uhr an die Hand nimmt und beruhigend, ermunternd und geduldig leitet. Aber mir fehlt die Zeit. Ich versuche zu helfen wo ich kann, doch mein Nervenkostüm ist angespannt. Es sind dreissig weitere Personen zu pflegen, zu beachten, zu umsorgen und drei oder vier davon sind diesem Menschen ganz ähnlich. Sie können sich alle theoretisch waschen, kleiden, essen und trinken, gehen und liegen, sitzen und stehen und doch können sie es nicht, denn es muss ihnen gesagt werden. Gezeigt werden oder sie brauchen Anleitung, samt Hilfe, Handreichung und Verbesserung.
Alt sein ist nichts für Feiglinge heisst es und so ist der Körper oft noch gut erhalten, doch der Geist, der will nicht mehr. Wohl auch die Seele, doch sie ist im Zwiespalt. Leben oder gehen?
Was also machen ich und meine Kollegen. Wir setzten uns hin, helfen und reden, mal mehr ruhig, mal mehr gehetzt, mal voller Verständnis, dann wieder genervt, da wir zum fünften Mal oder mehr das Gleiche sagen müssen, den Rollator holen oder in's Zimmer begleiten, obwohl wir keine Zeit dazu haben, sie nicht abgerechnet werden kann, auch nicht nach dem neuem Pflegestärkungsgesetz.
Nicht ausreichend sind wir und doch heisst es wir sind zuviel Personal.
Aber darum geht es jetzt nicht, sondern um die Zuammenarbeit mit Ärzten, denn wenn wir nicht weiter kommen und doch die Sicherheit und Würde wahren wollen, dann brauchen wir sie, die Neurologen und Psychologen.
Leider aber erweist sich diese Berufsgruppe als sehr schwierig, als Verantwortungs- und Handlungsscheu. Man wird den Eindruck nicht los, das sie Arzt werden wollten, aber ohne Verantwortung tragen zu müssen, dann aber feststellen, das sie es doch mit echten Menschen zu tun haben und als Reaktion entweder die Betroffenen ignorieren oder zuschiessen, also unter Drogen setzten. Denn wenn sie die Menschen ernts nehmen täten, bedeutet das sehr viel Arbeit für sie, was sich dann weniger rentiert. So hat das Pflegepersonal das Problem, das es mental eingeschränkte Menschen beruhigen oder vom Laufzwang befreien möchte und von der inneren Unruhe, der Angst und den Depressionen, doch es findet kaum bis gar kein Gehör und wenn dann doch etwas verschrieben wird, so schauen die Ärzte selten genauer hin, oder verschreiben nicht das was man ihnen nahelegt, denn wir als Personal beschreiben sehr genau oftmals die Symptome, die Leiden und wissen meist was geeignet währe. Schliesslich haben wir eine fundierte Ausbildung und oft auch jahrelange berufliche Erfahrungen vorzuweisen. Aber was soll man machen, wenn selbst nach mehrfacher Rücksprache nicht das verschrieben wird was es bräuchte, wenn einer Einweisung zur medikamentösen Einstellung im Krankenhaus der Arzt selbst im Wege steht, weil er sich weigert, die Sorgen und Nöte des Personals in Vertretung des Betroffenen ernst zu nehmen?
So gut wie es ist, das unser Gesetzt den Menschen vor Willkür schützt, so stehen wir doch oft machtlos da und können den Menschen ihr Leiden nicht abnehmen, da uns die Hände gebunden sind. Wenn dann noch Angehörige kein Einsehen in die Situation und den daraus resultierenden Notwendigkeiten haben, wird es besonders belastend für die Betroffenen, deren Umgebung und damit Mitpatienten und auch für das Personal.
Menschenwürde, welche das Grundgesezt garantiert, ist dann oft am weg galoppieren.
Der Markt bietet massig an Psychopharmaka und doch nutzt die entsprechende Ärztegruppe kaum die Vielfalt, kümmert sich nicht um den neuesten Wissenstand und sorgt für angepasste Versorgung, denn nicht nur Medikamente sind zu verschreiben und das wissen sie auch, tun es aber nicht. Sie nutzen fast nie die Möglicheiten, die es gibt, Betroffene adäquat zu betreuen und Menschenwürde sicher zu stellen. Ja, oft erweckt es den Eindruck, dass die Ärzte diese Thema völlig ausblenden.
Viele Neurologe und Psychologen verschreiben leider meist auch noch exakt das, was auch jeder Hausarzt mit seinem Wissen verschreiben würde. Es sind allgemeine Psychopharmaka. Es sind Medikamente, die vor allem komplett ruhig stellen, müde machen oder Gefühlstaub. Es sind aber keine, die der Situation angepasst sind, ihr Rechnung tragen, sondern nur die Situation überbrücken können, bis das Richtige gefunden ist. Doch soweit kommen Hausärzte in der Regel nicht und Neurologen und Psychologen sorgen es oftmals nicht dafür. Aber sie sollten Spezialisten sein und genau hinschauen, statt allgemein und unter Umständen schlecht verträgliche Substanzen zu vergeben. Sie sollten Depressionen erkennen und behandeln, statt das Personal nicht ernst zu nehmen, wenn es über eindeutige Anzeichen dafür berichtet. Oft erleben wir auch, das Ärzte kommen, wenn die Betroffenen schlafen oder gerade in der Ruhephase sind und erklären uns dann, es sei doch alles normal. Leider erleben wir das auch bei Noteinweisungen in ein Krankenhaus, das Ärzte ignorieren, das die Betroffenen ruhig gestellt wurden und uns diese zurück schicken, mit dem Vermerk, sie seien gesund.
Liebe Psychologen und Neurologen- es währe schön, wenn wir endlich einmal im Sinne Eurer Kunden arbeiten könnten und handeln täten! Eure Branche hat leider zu recht den schlechten Ruf und ruiniert seit Jahren das Glück vieler Menschen. Viel zu lange müssen wir auf die richtige Behandlung warten. Viel zu viele von Euch nehmen ihren Beruf nicht ernst genug. Es ist eine Schande! Ja, man muss es so nennen.
Doch vorerst wird das Pflegepersonal weiter nur versuchen können, für jeden einzelnen Fall zu kämpfen und immer wieder zu hoffen, das es doch diesmal gehen würde.
Euer TomLove
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