Oder warum das Pflegepersonal am Ende selbst ein Pflegefall ist.
Wir als Pflegepersonal und auch ihr als allgemeiner Bürger bekommen immer wieder zu hören und zu lesen, das man physiologisch, also körperschonend arbeiten kann.
Kann man wirklich und vor allem, wie behauptet wird, so dass man Spätschäden vermeiden kann und das auch noch 100%?
Die Antwort ist ganz einfach: Nein!
Selbst wenn ich mich an alle Regeln der Kunst halte, ist es praktisch unmöglich, denn es wird die Arbeitsrealität völlig ausser acht gelassen.
Pflegekräfte, ob Fach- oder Hilfskräfte sind auffällig anfällig für Rückenleiden und seit einigen Jahren häuft sich die Zahl der betroffenen Kollegen und sie sind immer jünger bei der ersten Diagnose.
Dies ist leider kein Zufall, wird aber völlig von den Versicherungen, Vereinen und Arbeitgeber ignoriert. Vor allem das Warum und Wiso.
Auch ist es schon seit Jahren so, dass Rückenleiden erst nach sehr langer Zeit als Berufskrankheit anerkannt werden.
Den aktuellen Stand konnte ich gerade nicht herausfinden, aber es wird die 15 Jahre sicher nicht unterschritten haben.
Mindestens 15 Jahre leiden, bis es anerkannt wird, ist keine Kleinigkeit.
Daher möchte ich gerne die Gelegenheit nutzten und erläutern, warum es schlicht nicht machbar ist, Rückenschonend zu arbeiten und hier endlich eine Veränderung im Bewusstsein und der Öffentlichkeit bedarf.
Als Erstes gehen wir dem Vorwurf nach, das Personal sei selber schuld, es würde sich nicht an die Empfehlungen halten.
Ja, das stimmt in gewisser Weise, jedoch heute weit weniger als früher. Noch gibt es einige, vor allem jüngere Kollegen, die nicht immer darauf achten so zu arbeiten, das sie gesund bleiben, weil sie es nicht so für wichtig erachten oder einige Ältere, die noch immer nicht wahrhaben wollen, das ihre Probleme gefördert werden, wenn sie so unbedacht ihren Köper Dinge zumuten. Doch muss man einfach sagen, vielen fehlt schlicht die Zeit, das Bett hochzufahren, um gerade zu stehen, anstatt sich zu beugen, oder es fehlt ihnen der Kollege, der ihnen hilft, die schwere Dame zu drehen oder einfach zu halten, während sie die Intimpflege durchführen, oder den Verband wechseln.
Gelegentlich sind Hilfsmittel aber auch nicht vorhanden oder -out of order- und wenn sie Menschen daheim pflegen, sind Pflegekräfte in der Regel alleine und schonendes Arbeiten eine Frage von Glück und Geld, sowie harten Nerven.
Oft ist das Personal so sehr gestresst, das sie verspannt sind und sich damit schaden, da ihre Muskulatur keine Entspannung findet und selten eine Pause bekommt, sich wirklich mal zur Ruhe zu setzen. Teils liegt es an der Organisationsstruktur, oft aber schlicht daran, das es zu wenig Personal gibt. Heute versorgt eine Pflegekraft im Schnitt 10- 15 Personen, statt wie ursprünglich 4- 6. In der Hauskrankenpflege ist es weit schlimmer. Dort sind sie nicht nur mit bis zu 30-40 Patienten, sondern 10- 11 Stunden Tagesschicht geschlagen. Pause nicht vorgesehen, ausser theoretisch. Beim Raus und Rein in das Auto staucht sich nicht nur die Wirbelsäule, sondern der Stress steigt, da der Verkehr dazu kommt.
Im Krankenhaus und Heim ist aber auch von Entspannung selten bis gar nichts zu bemerken, erst recht nicht, wenn mit Leiharbeitskräften gearbeitet werden muss, deren Qualifizierung oft schlecht ist.
Verspannte Muskeln, stauchen die Wirbel zusammen, schränken die Beweglichkeit ein und sorgen so für mehr Verspannung, da der Körper die Kräfte die auf ihn einwirken nicht mehr genauso kompensieren kann.
Aber alleine der Alltag in der Pflege sorgt schon für eine immense Rückenbelastung. Stellen sie sich folgendes vor: Sie fahren den Kunden im Rollstuhl zum Bett und müssen ihn hineinlegen. Die Meisten brauchen Hilfe beim Transfer, dem Herauskommen aus dem Rollstuhl und auf das Bett gelangen. Viele davon haben kaum Kraft in den Beinen, oder sie haben Schlagseite, wegen eines Schlaganfalles, sprich sie sind halbseitig gelähmt. Oft kommt dazu, dass in den Armen nicht die volle Kraft vorhanden ist, um sich sicher und fest an der Hüfte des Pflegepersonals fest zu halten. Also kaum stehen und halten können und wer muss es ausgleichen? Die Pflegekraft und wer das mal probiert hat weiss, Menschen die ihre Beine nicht voll ausstrecken und belasten können, sind sehr schwer zu bewegen. Nun können gerade ältere Menschen sehr schlecht an unserer Hüfte halt finden, aber Arme heben und sie um unseren Hals legen. So stehen sie und sind drehbar, denn 45 Grad müssen wir uns ja verändern, da das Bett schliesslich seitlich von ihnen steht. Noch schöner wird es, wenn sie keine 30 Kilo Frau vor sich haben, sondern einen 120 Kilo Patienten, der sein rechtes Bein nur steif halten kann und bedingt Ausdauer hat. Zu zweit schon eine Herausforderung, ist es alleine ein Akt und wenn sie keinen Lifter haben sind sie darauf angewiesen, Glück im Spiel zu haben. Mit anderen Worten, auf ihrem gesamten Rücken liegt das Gewicht der anderen Person und vollends, wenn diese nicht mithelfen kann, ob körperlich oder mental unfähig spielt dabei keine Rolle.
Gerne würden wir nur mit Lifter arbeiten, aber die sind nicht immer greifbar und Nutzbar. Nun gut, jetzt haben sie es geschafft, mit uff und ordentlicher Puste und er/ sie ist auf dem Bett und soweit liesse sich physiologisches Arbeiten noch halbwegs machen, aber die Belastung ist immens. Jetzt aber kommt das nächste Problem. Die Person soll ja liegen. Schuhe ausziehen? Geht meist nicht, da der grösste Teil sich nicht sicher in der Sitzhaltung halten kann und Sturzvermeidung geht vor. Verletzungen des Bedürftigen gilt es zu vermeiden! Sind sie zu zweit kann einer halten und der Andere das Bett hochfahren und dann können sie beim Hinlegen helfen, denn viele schaffen das nicht alleine, schon gar nicht richtig. Aber sie sind zu neunzig Prozent alleine, also legen sie den Menschen hin und scheissen auf ihren Rücken, der schimpft, aber was soll's. Es muss sein. Und jetzt sind wir oftmals noch nicht fertig, denn richtig liegen soll die Person ja auch noch. Kann sie mithelfen, sind sie glücklich, kann sie nicht, müssen sie alles selber managen und wieder geht ihr Rücken in die Schieflage.
Ahnen sie, was da passiert? Fast Täglich!
Nun führen sie sich vor Augen, das viele von uns nicht den idealen Rücken haben. Bei den Einen ist er zu gerade, bei den Anderen zu sehr gebogen. Die ideale S-Form ist gar nicht so häufig vorhanden; die aber braucht der Mensch, denn sie ist wie eine Feder.
Wie die Feder beim Auto. Sitzt sie richtig, gleiten wir über Stock und Stein. Sitzt sie schief, tun wir das nur eine Weile, bis es dann holpriger wird und schliesslich geht sie kaputt.
Die S- Form unserer Wirbelsäule federt Gewicht/ Kräfte ab. Ist sie zu steif, wird daraus die Skoliose, sie biegt sich, denn sie braucht Platz zur Kraftverteilung und ist sie zu krumm, wird sie krummer und versteift sich, da sie überlastet wird und keinen Weg hat auszuweichen. De Facto, die Muskeln verspannen sich, die Nerven werden eingeklemmt, die Bandscheiben herausgequetscht und die Pflegekraft ist sprichwörtlich selbst kaputt.
Und schnell, schnell geht nicht, denn wir haben es mit etwas Lebendigem zu tun.
Leider wird dies in der Ausbildung gar nicht erklärt und gelehrt- die Konsequenz die sich aus der Form der Wirbelsäule ergibt. Wüsste das Personal besser darüber bescheid und verstünde es dies auch, es hätte von Anfang an mehr auf sich geachtet und vor allem Sport getrieben.
Das sollte einer der Lösungswege in Zukunft sein, die einige Pflegekräfte schon seit geraumer Zeit einfordern, wovon aber Arbeitgeber nur gelegentlich von reden, aber nie etwas dazu machen oder fördern. Rückentraining sollte Teil der Ausbildung sein und Teil des Arbeitsinhaltes. Es reicht kaum aus, alle paar Jahre eine halbstündliche Rückenschulung zu machen. Wie ich richtig hebe und lagere, weiss fast jede Schwester aus dem ff, aber sie hört nie etwas davon, was sie tun kann, um stabil im Rücken zu bleiben, gerade weil sie eben nicht immer so arbeiten kann, wie sie es gerne möchte oder weil es schlicht nicht machbar ist.
Leider finden sich immer jüngere Kollegen unter den Kranken, was nicht alleine der Stress verursacht, sondern auch deren eigene Einstellung und oftmals ungesunde Lebensweise, denn viele der älteren Kollegen hatten weniger Hilfsmittel und kamen doch besser durch ihre Berufslaufbahn. Auch fehlt es zuweilen am Ehrgeiz der jungen Lehrlinge und ausgebildeten Fachkräfte kräftig mit zu helfen, denn die Personalknappheit werden wir noch lange haben und nur ein Team was gemeinsam anpackt, hat eine Chance sich gesund zu halten. Teamgeist und Zusammenhalt muss wieder in das Bewusstsein und vor allem Sport. Auch müssen Arbeitgeber endlich verstehen, das sie nicht nur Sporträume oder Massagen versprechen können, wenn sie ihr Personal behalten wollen und eine halbwegs gute Versorgung der Betroffenen gewährleisten möchten. Denn zurzeit geht es zu Lasten von Personal und Betroffenen.
Massagen und Physiotherapie sollten gefördert werden von Krankenkassen und Arbeitgebern, denn bei dem Gehalt, können viele Krankenpfleger und -schwestern sich schlicht dies nicht leisten. Dabei brauchen sie diese regelmässig, um etwas Entspannung in Körper und Geist zu bringen. Jedoch erleben wir das Gegenteil. Gefördert wird immer weniger von den Kassen und Arbeitgeber verschwinden mit dem Thema in's Nirgendwo.
Es ist eine traurige Realität, das sich eine Krankenschwester, die in ihren End- 50ziger und 60zigern noch als solche arbeitet, eine Rarität nennen darf und ihr könnt davon ausgehen, das sie einen hohen Preis dafür zahlt, den sie nicht annähernd bezahlt bekommt.
Auch deswegen solltet ihr jede Schwester, jeden Pfleger unterstützen, der sich entschliesst, für seine Rechte auf die Strasse zu gehen, für eine bessere Versorgung zu sorgen, denn auch ihr werdet einmal unter Umständen von ihnen abhängig sein.
Euer TOM LOVE