Donnerstag, 10. März 2016

Warum ich die Pflege verlasse...

Eigentlich muss es richtig heissen- warum ich die Pfege in Deutschland verlasse?

Die Meisten werden sicher schon einmal gelesen haben, was so eine Pflegekraft alles sein soll und leisten können muss. 
Wir sollen immer freudlich sein und empathisch, sehen wann man Mut zugesprochen braucht, wann Ruhe nötig ist und wann einfach nur ein tröstendes Wort von Nöten. Wir sollen zuhören und müssen dabei die Wünsche und Bedürfnisse erkennen, die oft versteckt angegeben werden. Trauern sollen wir auch können und vor allem beim Sterben begleiten. Wir sollen Wunden schneller heilen lassen und Gefahren frühzeitig erkennen. Immer schnell am Kunden sein, wenn dieser uns braucht und dabei unempfindlich gegenüber seinen Launen sein. Wen wir pflegen, den waschen wir oft, kleiden an und aus, dabei immer die Ressourcen im Blick behaltend und diese natürlich fördern. 
Wir sollen klug wie der Arzt sein, denn ohne unsere Beobachtungen und unseren Verdacht auf Erkrankungen und Probleme kommt die richtige Versorgung schlecht voran. Gleichzeitig müssen wir uns bei den Ärzten durchsetzen, die uns oft nicht ernst nehmen, obschon wir näher am Patienten sind. 
Unser Zeitmanagement muss gut getaktet sein, denn Grundpflege ist ja nicht alles. Essen und Trinken bereiten wir zu und reichen auch an, die Medikamente dabei nicht zu vergessen ist auch sehr wichtig und dabei wollen wir eigentlich selbst mal dringend auf Toilette und brauchen unsere kleine Atempause. Geht aber gerade nicht. Selbstverständlich telefonieren wir nebenbei mit Ärzten, Therapeuten und Angehörigen, welche auch direkt zu uns kommen und uns in Beschlag nehmen, zeitgleich müssen wir dabei unsere Problemfälle im Blick behalten, damit denen nichts passiert oder sie sich selbst nicht in Gefahr bringen. Gerade unsere älteren Herrschaften erkennen oft nicht richtig, was gut für sie ist und was unglücklich enden kann. Nicht zu vergessen, halten wir Ordnung, wechseln Wäsche und säubern Hilfsmittel. 
Das und noch viel mehr gibt es immer mal auf diesen schönen Postings zu lesen auf Facebook oder auf einem DIN A 4 Blatt gedruckt. 
Ja, wir wollen gute Pflege leisten, aber können wir das auch?
Nein. Wir sind permanent überfordert. Wir versuchen es aber wirklich. Meistens.
Warum? 
Erstens, seit Jahren wird die Personalstärke reduziert, jedoch sind wir nach dem Stellenschlüssel stets überbelegt. Weil auch Leute dazu zählen, die in der aktiven Pflege gar nicht tätig sind. Daran sind die Krankenkasse schuld, die Politik und auch die Gewerkschaften. Letztere haben diesen Fehler immerhin zugegeben und kämpfen nun dagegen an. Doch die Regeln sind sehr Arbeitgeberfreundlich. Eine einzige Fachkraft pro Schicht, pro Haus reicht. Völlig unrealistisch. Selbstverständlich. Doch so sind die Regeln. Das nutzt man natürlich aus. 
Unbesetzte Stationen in der Nacht. Ist gesetzlich noch erlaubt. 
Auf dem Papier scheint die Planung oft zu stimmen, aber real ist oft weniger Personal da. 
Das aber wird gar nicht geprüft. 
Oft gilt es sogar einen Einstellungsstop zu verarbeiten, da immer mehr leichte Pflegefälle  in das Heim kommen. Dies heisst, viel Arbeit in der Regel, denn die Betroffenen sind körperlich fit aber geistig alles andere als klar. Sie bringen aber wenig Geld, also heisst das keine weiteren Pflegekräfte werden eingestellt, obschon der Bedarf da ist. Denn diese Menschen brauchen Anleitung und ruhiges Vorgehen. Ergo, das Personal ist im Stress und übereffektiv. Oder vernachlässigt schlicht sich selbst.
Häufig aber gibt es schlicht keinen oder kaum jemanden, der sich auf die offenen Stellen bewirbt. Zu schlechte Bezahlung, zu schlechte Bedingungen. Immer noch.
Seit Jahren wird dem Personal erzählt es wird besser und immer geht es nur weiter bergab. 
Doch zu den Bedingungen aus der Wirtschaft und Politik, den Geldeintreiber und Eignern, kommen Interne Schwachstellen. Heimleitungen die nicht wissen wie man ein Haus leitet, wie Management geht, die keine Visionen und Mut haben, noch Erfahrung aufweisen, zudem diese oft schlecht bis gar nicht mit dem Personal kommunizieren. Personalversammlungen sucht man teils vergebens und wenn es welche gibt, sind diese oft so schlecht, das man als Angestellter ratloser ist am Ende. 
Das aber hat System, denn den Eigentümer liegt nichts daran, selbstständige und selbstbewusste Einrichtungsleitungen zu haben, oder gar das Personal zu stützen. 
Wir sind nur Kosten und sollen Geld einbringen. Menschenwürde ist nicht im Packet enthalten. Weder für das Personal, noch für die zu Pflegenden. Der äussere Schein ist wichtig, ja, aber dahinter herrscht eine Arschlochmentalität der Eigentümer, die oft nicht gleich als solche erkennbar ist für Aussenstehende. 
Zu den internen Problemen gehört aber auch, das die Altersstruktur des Personals katastrophal ist. Es gibt kaum Personal im Alter zwischen 30 und 50, denn die Meisten, vor allem Fachkräfte betreffend, sind längst nicht mehr in dem Beruf drinnen. Gerade aber die brauchen wir am Meisten. Sie sind das eigentliche Rückrad eines Teams. Sie unterstützen die älteren Kollegen, deren Wissen eigentlich sehr gefragt sein sollte und helfen den Jüngeren in das Berufsleben hineinzukommen und ihre Fähigkeiten zu entwickeln und vor allem zu stärken. 
So aber hängt es oft an den Wenigen, die noch dabei sind. Sie werden Langzeitüberlebende genannt. Die Anforderung ist immens hoch, denn viele Kollegen kämpfen mit dem Burnout, körperlichen Schäden durch die Arbeit und sind somit nicht voll einsatzfähig. Hinzu kommt, dass die junge Generation nicht mehr den Arbeitsethos hat, wie die älteren Kollegen und somit geht dies oft auf deren Lasten. 
Immer öfter rackern sich einige ab und andere haben eine -ist mir egal- Haltung entwickelt. Darunter leiden dann alle. Was wunderlich, dass der Krankenstand in der Branche stetig nach oben geht. 
Wie aber soll man da noch Teams bilden? 
Doch dies sind nicht alle Herausforderungen. Da unser Land die Ausbildungen, gerade in der Altenpflege nicht unterstützt, ist diese sehr unterschiedlich und vor allem schlecht. Die Praxiseinsätze sind seit Jahren Arbeitsausbeutungsprogramme, statt Lehrwochen. 
Als Krankenpfleger kann man in Deutschland immerhin eine halbwegs gute Ausbildung gesichtert erhalten. Doch gerade wir Krankenpfleger sind dann häufig zusätzlich zur normalen Arbeit damit beschäftigt, Auszubilden, Anzuleiten, zu kontrollieren und die Bedürfnisse der Betroffenen zu erkennen, gerade auch ihre gesundheitliche Herausforderungen richtig einzuschätzen und dies dem Personal zu vermitteln und zu lehren. 
Auch den Leasingkräften muss ich immer öfter über die Schulter schauen, denn die sind selten Pflegehelfer mit einer 1-bis 2 jährigen Ausbildung, sondern "nur" Assistenten. Sie habe eine Basiskurs von 40 bis 60 Stunden gemacht und werden dann - gesetzlich erlaubt- auf die Menschheit los gelassen.  Da kann ich beim besten Willen nicht erwarten, das sie wissen, was sie tun. 
Ich bin daher schon sehr dankbar, wenn wir Personal aus dem Ausland haben, das soweit gut ausgebildet ist und uns unterstützt. Doch Sprachbarieren machen es nicht leicht und auch eine gelungene Integration findet nur schwer statt. Das ist den Umständen zu schulden, aber auch der Betriebsblindheit der Kollegen. Nicht das wir nicht alle einmal Betriebsblind werden, doch in der Pflege passiert dies sehr schnell, da der Stresslevel so hoch ist, das ein Tunnelblick fast unausweichlich ist, wenn man nicht jemanden hat, der einen lehrt auf zu schauen. Unter Zeitdruck erkennen viele Kollegen Kleinigkeiten nicht mehr.  Dies zu erkennen kann aber nur eine Pflegekraft wirklich gut vermitteln, die selber schon ein  paar Jahre Erfahrung hat, aber nicht kurz vor ihren letzten Arbeitsjahren steht.  Diese aber fehlen oft, wie erwähnt.

Die Pflege ist also im Niveau die letzten Jahre damit herab gesunken, obschon sich viele anstrengen. Aber wie soll eine Pflegekraft genug Zeit haben für ihre Patienten, wenn sie statt ursprünglich 4 bis 6 Menschen nun 13 bis 15 in der gleichen Zeit zu versorgen hat? Zumal die Anforderungen auch noch gestiegen sind und wir heute viel mehr an zusätzlichen Leistungen erbringen müssen und fachfremde Aufgaben mit übernehmen, da kein Geld für entsprechende Belegschaft da ist. Pflegefehler sind da vorprogrammiert.
Wo hole ich dann die Motivation her? Wie soll ich als Wohnbereichleiter und Qualitätsbeauftragter noch mein Team erklären können, das harte Arbeit sich nur scheinbar lohnt und es darum geht den Schein zu bedienen, oder doch zumindest soweit unseren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, obschon dies unseren Job nicht sichert. Wie kann ich noch die Tatsache schön reden, das ich nie fertig werde mit meinen Aufgaben und immer etwas unter den Tisch fällt, immer irgendwer unter diesen Bedingungen zu leiden hat? Wie kann ich motivieren, wenn meine Kollegen schon ständig einspringen, in Minimalbesetzung arbeiten, weil keine Leasingkraft geholt werden darf? Wie kann ich auf Dauer so ein System unterstützen, dass das Personal systematisch krank macht und nicht respektiert? Wenn selbst die Öffentlichkeit uns bisher nicht unterstützen mag im Kampf um bessere Bedingungen und sogar statt dessen, wie letztes Jahr geschehen, uns noch einen Deckel drauf haut. Wie kann ich da meinen Leuten Mut machen und Hoffnung auf baldige Besserung? Wie kann ich da den Job empfehlen? Wie kann ich dabei zusehen, wenn Kollegen krank zur Arbeit kommen? Wie kann ich es zulassen, wenn Menschen in der Pflege arbeiten, die da eigentlich raus gehören, weil sie sich nicht eignen, die falsche Einstellung haben, Arschlöcher sind, oder weil sie so kaputt und krank sind durch die jahrelange Arbeit, das sie dringend umschulen sollten?  
Ich habe nicht nur viel Leid gesehen bei den zu Pflegenden, auch die Angehörigen leiden und brauchen unsere Hilfe, ich kann sie aber immer seltener, immer schlechter geben. Ich bin immer öfter unzufrieden, da ich mich um Frau X mehr kümmern wollte, es aber einfach nicht schaffe und Herr Y liegt den ganzen Tag im Bett, obwohl ich ihn gerne mehr draussen haben würde und mich um seine Seele kümmern möchte. Dementen würde ich gerne Gespräche gewähren, damit sie ihre geistigen Einschränkungen verarbeiten können und ich damit Medikamente einsparen und Lebensqualität erhalten kann, aber ich kann nicht. Wann denn? Bei Personalknappheit arbeite ich bereits für mehr als Einen. Oft für Drei. Effizienz lässt sich eben oft nicht mehr steigern. Auch wenn ich mich noch so sehr bemühe, andere unterstütze und ausbilde. Die Grenzen sind für die Meisten von uns Pflegekräften schon lange erreicht und wir arbeiten unsere Reserven leer und darüber hinweg. 
Raubbau nennt man das. 
Folge, nicht nur die Gesundheit leidet, sondern auch die Lebenslust, das Privatleben und die Hoffnung auf eine Besserung. 
Eigentlich mag ich den Beruf des Krankenpflegers und auch Teamleiter zu sein, wie Qualtätsbeauftragter, aber die Bedingungen sind so unrealistisch und so Menschenfeindlich geworden und halten seit Jahren nur den Weg nach unten, statt nach oben. Wenn wir Glück haben, dann ist es gleichbleibend schlecht, aber nach gut 15 Jahren der steten Verschlechterung, kann und will ich nicht mehr. 20 Jahre in diesem Beruf und es ging vor allem Bergab.
Es geht anders, ja. Die Basis muss gefördert werden, ja. Die Ausbildungen müssen verbessert werden, ja. Aber auch die Löhne, die Personalstärke und Pflege sollte nicht Privat sein, sondern Aufgabe des Staates, denn es ist eine Gesellschaftliche Angelegenheit. Pflege brauchen alle Menschen irgendwann einmal im Leben. Dies muss Menschenwürdig möglich sein und muss von allen Bürgern eines Landes bezahlt werden. 
Ja, sie kostet Geld, aber sie ist kein Selbstzweck. Gewinne sollten nicht gemacht werden dürfen, um Eigentümer und Aktieninhaber reich zu machen, lediglich, um Baumassnahmen und Extraleistungen in der Pflege damit bezahlen zu können. 
Doch in unserem Lande richtet man das Augenmerk bisher auf Falsche Dinge und lässt die Pflege weiterhin abrutschen. ich mag das nicht mehr mit machen. Ich mag nicht mehr dabei zusehen. Ich mag nicht mehr den Preis dafür bezahlen das die Politik seit 40 Jahren nichts unternimmt. Denn ja, so lange ist schon bekannt, das es diese Probleme geben wird. Doch statt die Finanzen auf feste Beine zu stellen und die Pflege grundlegend neu auszugestelten, wird Flickwerk und Augewischerei betrieben. 
Ich mag das nicht mehr unterstützen. 
Ich mache nun das, was die Meisten Pflegefachkräfte (und auch viele Pflegehelfer) tun. Ich nehme an der Abstimmung zu Fuss teil. 
Ich gehen raus. 

Ich danke den Kollegen für all die gemeinsammen Jahre und Arbeit, die Erfahrungen und guten, wie schlechten Stunden. Passt auf Euch auf und verdammt noch mal, geht endlich alle auf die Strasse und haut auf die Kacke! Es muss weh tun! Uns tut es schon lange weh! Ich geh' mit Euch auf die Strasse, aber ich werde hier in diesem Lande nicht mehr als Pfleger am Ausbeutungssystem teilnehmen. Ich will Zukunft, statt Abgrund. 

Love & Light




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