Oben im Haus stand die alte Dame vor dem Fenster und beobachtete, wie aus einem sonnigen Morgen innerhalb einer halben Stunde ein düsterer Tag anbrach, mit dicken und sehr dunkelblauen Wolken, die tief im Himmel hingen. Vor ihr auf dem Fensterbrett stand der dicke Tulpenstrauss, den sie gestern aus ihrem Garten zusammengepflückt hatte. Lächelnd beobachtet sie, wie sich der erst leichte und warme Frühlingswind in einen kalten und kräftigen Sturm verwandelte, während unten im Haus, in der Küche Christina am Küchentisch sass, ihr letztes Brötchen mit Marmelade ass und dabei verträumt ihren Samstagskaffee in der Hand hielt, der in ihrer Lieblingstasse heiss vor sich her dampfte.
Hätte sie geahnt, das dieser Wetterumbruch ungewöhnlich war, sie wäre sicher nicht so gelassen da gesessen und mit ihren Träumen vom schönen Leben entschwunden.
Die alte Dame dreht sich um und geht zurück zu ihrem Bett, schlägt die Decke auf und legt sich wieder hin. Ein letzter Blick zum Fenster und den Tulpen, welche sich tanzend in der Vase bewegten.
Am anderen Dorfende war Timo bereits seit Stunden wach und bekommt nur aus dem Augenwinkel vom Wetterumschwung etwas mit. Er war gerade dabei seine Bude auf Vordermann zu bringen und hatte soeben die Toilette fertig geputzt, als es plötzlich laut, tief und schwer donnerte.
Erschrocken schaut er sich um und sieht aus dem Fenster. Misstrauisch schaut er hinaus, doch alles scheint wie bei einem gewöhnlichem Gewitter.
Timo wartet auf den nächsten Donner und auch auf einen Blitz, doch nichts wollte kommen.
Merkwürdig, denkt er sich. Ein trockenes Gewitter? Doch es fängt genau in dem Moment an schwer vom Himmel her zu schütten, kaum das er den Gedanken fertig hatte. Verwundert bleibt er noch einen Moment stehen, dreht sich um und geht in die Küche, setzt sich Kaffee auf und räumt seine Putzutensilien wieder in den Verwahrungsschrank. Dann zieht er sich sein T-Shirt aus und geht in das Bad, da er die Waschmaschine anstellen wollte und vorher noch sein Shirt hinein musste. Wie er dann am Spiegel vorbei kommt, sieht er, das er etwas auf der rechten Schulter hatte. Er versucht es weg zu wischen, da er erst einmal davon ausgeht, es sei Dreck; doch es wollte nicht verschwinden. Er nahm einen Lappen, befeuchtet ihn und versucht es erneut. Wieder nichts.
Timo konnte sich nicht entsinnen, woher er diesen Fleck haben mochte, noch das er diesen gestern schon gehabt hatte. Der konnte doch nicht einfach über Nacht erschienen sein.
Grübelnd schliesst er den Deckel der Waschmaschine und schaut noch einmal auf seine Schulter, um sich zu vergewissern, wie das Ding aussah, was er da hatte.
Doch da war nichts mehr. Verwirrt schüttelt er seinen Kopf, schaut immer wieder auf seine Schulter, schaut über den Spiegel darauf und fand keinen einzigen Anhalt dafür, das dort je etwas war.
Schliesslich gibt er seufzend auf, geht in die Küche und nimmt sich seinen Kaffee. Drehte er durch?
Vom Donner erwachte Christina aus ihrer Träumerei. Gartenarbeit konnte sie also heute wieder nicht in Angriff nehmen. Eigentlich wollte sie endlich neue Beete entlang des Nachbargrundstückes anlegen. Ganz unglücklich war sie aber über die plötzliche Verschiebung nicht. Die letzten Wochen waren so merkwürdig verlaufen, das sie einen Tag Faulenzen gut vertragen konnte.
Seit das Jahr begonnen hatte, musste sie ständig umplanen. Egal um was es ging. Wollte sie im Januar die Zimmer streichen, war die Farbe plötzlich schlecht, obwohl sie diese erst Ende Dezember gekauft hatte. Sollte sie den Garten Frühjahrsfertig machen, als der März kam, war plötzlicher Wintereinbruch. Der Arbeitsauftrag aus der Stadt vierzig Kilometer weiter weg, war von einem Tag auf den Anderen abgeblasen worden. Und den Wochenendausflug letzte Woche musste sie auf weiteres verschieben, da die alte Dame erkrankt war und das Bett nicht verlassen konnte.
Manchmal hatte sie das Gefühl, das sie etwas hinderte aus dem Land, aus dem Dorf, ja aus dem Haus zu kommen. Und dann fand sie zuletzt immer wieder merkwürdige Dinge auf ihrem Weg durch den Garten.
Erst war es eine Tonschale in grün, die offensichtlich ihrer Urgrossmutter einmal gehört hatte, denn sie ähnelte der auf dem Foto an der Flurwand sehr. Dann kam ein zersplitterter Krug zwischen den Tulpen hervor, der das Familienwappen trug. Kurz später stolperte sie über den Silberkamm der alten Dame, genau an dem Tag, als diese nach ihm fragte. Neulich fand sie in der Baumrinde der Eiche ein Feuerzeug aus Perlmutt und Silber, im Stil der zwanziger Jahre. Sie hatte keine Ahnung wie es dort landen konnte. Gerade wunderte sie sich darüber, das es nicht mehr in der Schale vor ihr auf dem Küchentisch lag, denn sie hatte das Feuerzeug ganz bestimmt dort hineingelegt. Sie konnte es doch unmöglich gedankenverloren woanders hingelegt haben. Sicher war sie sich darüber ganz und gar nicht, denn gedankenverloren war sie oft in letzter Zeit. Konnte sich aber nie anschliessend erinnern worüber sie nachgedacht hatte.
Nun goss es wie aus Kübeln und so verlagert Christina ihr Aufenthaltsgebiet in das Wohnzimmer und fläzt sich auf das Sofa, macht den Fernseher an und zappt durch die Programme. Schliesslich bleibt sie bei einem alten Film hängen, der erst gerade begonnen zu haben schien. Eine schöne blonde Frau vor den Niagara Fällen nahm ihren Tag auf und Christina zog sich die Tagesdecke über die Beine.
Berlin, 21.02.2015 - Tom's (S.B.)
Berlin, 21.02.2015 - Tom's (S.B.)
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