Montag, 29. Juni 2015

Übermediziniert und Überdiagnostiziert

Gelegentlich kann die Liste der Diagnosen auf Arztberichten vom Krankenhaus nicht lang genug und nicht kompliziert genug sein. Nicht nur die Fülle ist selbst für das Pflegepersonal zuweilen erschreckend, sondern auch die Fraglichkeit so mancher Diagnose. Ganz zu schweigen von der Verständlichkeit. Damit sind nicht nur die Masse an Fachbegriffen und Nummern gemeint, die zu lesen ist, sondern auch was die eigentliche Diagnose aussagen will. 
Zuweilen ist es nämlich so, das es eine allgemeine Diagnose gibt, die nur besagt, das man es nicht weiss was es ist aber irgendwie hat man die Symptome verordnet.
Dank der Tatsache, das alles nur dann zum Abrechnen geeignet ist, was einen Namen trägt, ist ein Ungeheuer entstanden,  das selbst für die kleinste Diagnose oder oft auch bloss gewonnenen Werte ein Namen entstanden ist. 
Um aber auch gute Gründe zu haben, warum man gerade diese oder jene Diagnose abrechnen will, wird sie in der Regeln dramatisiert. Eine Entwicklung die selbst dem Normalbürger kaum unbemerkt geblieben ist. Zu Recht wird dann auch auf Ärztekongressen und wissenschaftlichen Zusammenkünften kritisiert, das sich hier eine Entwicklung vollzogen hat vom gesunden Umgang mit dem Patienten, hin zu einer ausufernden Bürokratie im Namen des Geldes. Denn Atemwegsinfekte gibt es kaum noch, es ist gleich die Bronchitis oder statt einer Erschöpfung aufgrund von Überarbeitung ist es ein Burn- out Syndrom. Auch wird kritisiert, das jede kleine Auffälligkeit gleich als Krankheit angesehen wird und die Untersuchungen oftmals nur kurz oder gar nicht richtig vorgenommen werden und statt dessen einfach Diagnosen angesetzt werden im Stammblatt des Kunden, der dann auch zum Beispiel wegen vermeintlichen Bluthochdruckes behandelt wird, obwohl der Blutdruck häufig beim Arztbesuch höher ist, aufgrund der Aufregung. Auch wird in Frage gestellt, ob der Kunde wirklich jede einzelne Diagnose wissen muss, wenn sie nicht relevant ist und muss wirklich gegen alles sofort behandelt werden? 
Nein, das muss es tatsächlich nicht, denn nur weil es ein vermeintlich erhöhtes Risiko gibt aufgrund von zum Beispiel erhöhten Cholesterin- Werten für einen Schlaganfall, bekommt der Patient diesen nicht zwangsläufig. Es sind gerade einmal knapp die hälfte der Fälle darauf u.A. zurückführbar. 
Dies gilt auch für einige andere Erkrankungen, die statistisch gesehen nicht unbedingt mit den einzelnen Risikofaktoren zusammenhängen. Denn die Veranlagung ist oft bei einer sehr grossen Anzahl von Menschen vorhanden, jedoch am Ende davon betroffen zu werden ist vor allem eine Sache der gesamten Lebenshaltung und nicht einzelner Risikofaktoren, wie hohe Fettwerte und ähnlichem. 
Generell neigen eher junge Ärzte von je her, aus Unsicherheit und mangelnder Erfahrung, zur Überdiagnostik und Übermedizinierung. Obschon den Meisten klar sein sollte, das mehr als 4 unterschiedliche Medikamente deren einzelnen Wirkungen herab mindert und in Frage stellt. Auch muss im Grunde eigentlich nicht wirklich bei allem für eventuelle Nebenwirkungen von anderen Medikamenten ein Medikament verschrieben werden, das genau diese Nebenwirkung bekämpft. Häufig währe es für den Patienten viel besser erst einmal abzuwarten, ob diese auftreten und überhaupt Beschwerden auslösen. 
Letzteres ist übrigens auch ein Kritikpunkt. Eine Diagnose bedeutet nicht unbedingt Beschwerden und umgekehrt kann es Beschwerden geben, die Diagnostisch nicht zu erklären sind und beide Fälle sollten endlich von vielen Ärzten und auch dem Pflegepersonal ernst genommen werden. Auch deswegen ist es ratsam nicht immer gleich zu Tabletten zu greifen und unter Umständen angeraten, etwaige Diagnosen zu verschweigen oder diese anders zu bezeichnen. 
Das Wichtigste aber ist am Ende jedoch endlich aufzuhören mit Fachbegriffen, Nummern und drum herum Geschreibsel, weil auch der Betroffene endlich wirklich verstehen will, was er denn nun hat und wenn selbst das Fachpersonal Probleme beim Verstehen hat, wird es allerhöchste Zeit. 
Auch sollten Krankenhäuser endlich ihre Kollegen aus Heimen und anderen Pflegeeinrichtungen ernst nehmen und auf deren Übergaben reagieren, anstatt diese zu ignorieren und nach eigenem Gutdünken zu handeln. Nicht selten wird dann einfach nach Wirtschaftlichkeit, statt nach Bedarf der Patient behandelt und der Betroffene mit neuen Diagnosen nach Hause oder in's Heim geschickt, aber die eigentliche Ursache weswegen er da war nicht eruiert und behandelt. 
Doch ich fürchte, so lange es das aktuelle Abrechnungssystem gibt, wird sich daran nicht soviel ändern und der Mensch selbst gerät aus dem Blickwinkel, wenn er nicht selber aufpasst und sein Recht einfordert. 

Euer Tom Love

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen